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Die "Gleitsichtstudie" von brillen.de

Der Optiker brillen.de wirbt seit einiger Zeit damit, Teilnehmer für eine "Gleitsichtstudie" zu suchen. Den Teilnehmern der Studie winkt dann eine sehr kostengünstige Gleitsichtbrille. Es wird suggeriert, als sei die Brille aufgrund der Teilnahme an einer "Studie" kostengünstiger als normalerweise. Sogar noch mehr: brillen.de wirbt damit, dass die gelieferte Gleitsichtbrille so hochwertig sei, dass man andernorts bis zu 1.000 Euro und mehr zahlen müsste.

Mit dem Sternchen-Zusatz wird zur Eile gemahnt: "*Angebot begrenzt auf monatlich 10.000 Teilnehmer bundesweit (max. 50 Brillen je brillen.de-Partneroptiker)."

Doch wie seriös ist das? Was ist die besagte "Gleitsichtstudie"? Wer steckt dahinter? Handelt es sich um ein wissenschaftliches Forschungsprojekt? Ist man als Teilnehmer an der Forschung zur "allgemeinen" Verbesserung von Gleitsichtbrillen beteiligt?

Gleitsichtbrille
Gleitsichtbrille: Mehrere Sehkorrekturen in einem Brillenglas:
Oben: Fernsicht (mehr als 2 Meter);
Mitte: mittlere Distanzen (0,5 bis 2 m), z.B. Computer-Bildschirm;
Unten: Nahsicht (weniger als 0,5 m), z.B. beim Lesen eines Buches;
die seitlichen Zonen links und rechts sind gleitend gewölbt und
sorgen häufig für ein etwas unscharfes Bild

Interne Studie, um möglichst kostengünstig zu sein

Die "Studie" wird ausschließlich von brillen.de durchgeführt. Denn obwohl groß geschrieben, übersieht man dennoch leicht den Slogan: "Das beste brillen.de Gleitsichtglas aller Zeiten".

Kurz: brillen.de sucht im Rahmen einer hausinternen Studie nach einem Gleitsichtglas-Design, dass möglichst übergreifend einsetzbar ist. Oder noch anders: brillen.de testet an den Kunden, welches Gleitsichtglas-Design eigentlich - auf die Masse gesehen - am effektivsten und besten ist.

Im Umkehrschluss folgt daraus aber auch: es kann durchaus vorkommen, dass ein gewisser Prozentsatz nicht zufrieden ist und Probleme mit der Gleitsichtbrille hat. Man bietet zwar bis zu zwei Austauschbrillen an (hier werden vermutlich erneut andere Designs" getestet) - aber anschließend gibt es nur noch "den Differenzbetrag" zurück.

Warum sind die Gleitsichtgläser so kostengünstig?

Um die Kosten einer Gleitsichtbrille zu verstehen, muss man sich bewusst machen, was ein "Glas-Design" ist. Gleitsichtgläser haben als Mehrstärkengläser mehrere Sehzonen, die fließend ineinander übergehen. Was sich einfach sagt, ist in der Herstellung sehr komplex. Denn die Übergangsbereiche können auf viele verschiedene Arten und Weisen gebildet werden. Das gilt für die linken und rechten Zonen, aber auch besonders für die Frage, wie der Verlauf von oben (Fernsicht) nach unten (Nahsicht) übergeht. Die jeweilige "Lösung" nennt man "Glas-Design". Und diese Glas-Designs sind in der Entwicklung sehr personal- und kosten-intensiv. Entsprechend teuer sind sie in der Folge für die Glas-Hersteller. Siehe auch: Gleitsichtbrillen-Arten.

Gleitsichtbrillengläser (Unterschiede / Vergleich)
Gleitsichtbrillengläser (Unterschiede / Vergleich)

Brillen.de nutzt mehrere "Tricks", um den Endabgabepreis so gering zu gestalten:

  • Es handelt sich um einen Testpreis (so ähnlich wie im Buchhandel der "Subskriptionspreis"). Dabei wird ein neues Glasdesign zunächst "getestet". In dieser Testphase weiß der Design-Hersteller natürlich auch nicht so genau, wie gut es tatsächlich ist. Und in dieser "Beta-Phase" werden die Designs kostengünstiger angeboten. Wenn sie sich bewähren, steigt der Preis. Da diese "Betaphase" zeitlich oder auf eine bestimmte Stcükzahl begrenzt sind, startet brillen.de jedes Jahr eine neue Studie, in der dann ein neues (verbessertes) Design getestet wird.
  • Brillen.de produziert (laut eigenen Angaben) das Gleitsichtglas selber. Das Brillenglas ist daher kein "Marken-Brillenglas", sondern eine Eigenmarke (so ähnlich wie im Supermarkt, wo viele Ketten inzwischen Eigenmarken wesentlich kostengünstiger anbieten als entsprechende Markenprodukte. Diese Eigenmarken sind häufig von ebenso guter Qualität wie die Markenprodukte. Dank deises "Private Labels" entfällt der Zwischenhandel (Marketing etc.), was die Kosten senkt.
  • Brillen.de kooperiert mit rund 600 Optiker-Fachgeschäften in Deutschland. Der Lieferweg geht direkt vom Glaswerk ins Fachgeschäft. Es entfallen also Kosten für Lagerung und Logistik, die bei anderen Glasherstellern den Preis in die Höhe treiben.
  • Die Brillengläser werden in der Regel direkt in die Brillenfassung eingearbeitet. Dadurch entfallen Kosten auf Seiten des Optikers. Das gilt allerdings nur für die hausinternen Modelle von Brillen.de (rund 260 Modelle). Wenn man ein Markengestell bestellen möchte (z.B. Ray Ban Gestell), dann kostet das extra (nicht nur das Gestell), weil der Optiker die Brillengläser in die Fassung einarbeiten muss (d.h. entsprechend zuschneiden).

Sind die Gleitsichtgläser von Brillen.de "billig" oder "schlecht"?

Das kann man so nicht sagen. Anders als reine Online-Optiker kooperiert Brillen.de mit echten Augenoptikern mit Ladengeschäft. Diese können die für Gleitsichtbrillen so wichtige Refraktion und das Vermessen der Augen direkt am Kunden durchführen. Die erforderlichen Brillenwerte werden also individuell ermittelt - es handelt sich folglich um eine "individuelle Gleitsichtbrille". Also nichts im Sinne von "standardisiert" oder "Lagerware".

Die geringen Kosten sind vor allem auf das "beta-phasen Glasdesign", einen optimierten Verkaufsprozess und eine Eigenmarke zurückzuführen. Nach der Testphase kann dieses Deisgn durchaus 300 - 400 Euro pro Brillenglas kosten (wenn es sich bewährt hat).

Neueinsteiger: allgemeine Verunsicherung

Leider haben viele Optiker ein Vermittlungsproblem: sie können den Kunden nicht glaubhaft versichern, dass die gute, teure Qualität wirklich besser ist. Das ist bei einer geschliffenen Kunststoffoberfläche natürlich auch schwierig zu beurteilen. Zumal sich der echte Sehkomfort nicht sofort offenbart, sondern erst nach einigen Tagen oder Wochen. Die Qualität einer Gleitsichtbrille kann man eben nicht an Nähten, Materialien oder sichtbaren Teilen festmachen. Man kann als Kunde also nur darauf vertrauen, dass die Brille gut ist.

Besonders für Neueinsteiger, die ihre erste Gleitsichtbrille kaufen, ist die Qualität der Brille natürlich schwer zu beurteilen. Zum einen heißt es immer, dass man sich erst einmal einige Tage daran gewöhnen müsse. Und dann ist es natürlich schwer zu beurteilen, inwiefern die störenden Unschärfebereiche links und rechts "normal" sind - oder ob sie bei einer anderen Gleitsichtbrille besser abbilden würden. Man kauft eben nicht drei oder vier Gleitsichtbrillen zum Testen. Diese allgemeine Verunsicherung macht sich brillen.de bei seiner Kampagne zunutze, indem man einfach behauptet, es seien "im Rahmen der Studie" die "besten Gleitsichtgläser". So kann man es sagen, aber es sagt nicht viel aus... Denn natürlich kann es auch Gleitsichtgläser von anderen Herstellern geben, die individuell noch besser passen.

Fazit: Augen auf!

Kurzum: die Gleitsichtglas-Studie ist eine interne Studie von brillen.de, die man sehr werbewirksam als "Marketing-Strategie" benutzt. Ziel ist es, Glas-Designs zu testen, die - gemessen an der breiten Masse - wenig Probleme verursachen bzw. sogar gut funktionieren. Es kann sein, dass man Glück hat und die Gleitsichtbrille wirklich gut passt. Es kann aber auch sein, dass das nicht der Fall ist ... Laut internen Angaben bereiten 5 - 10% der Brillen Probleme. Der Rest kommt gut damit zurecht (es ist aber unklar, wie viele Menschen gar nicht bemerken, dass sie mit anderen Glasdesigns oder Gläsern möglicherweise noch besser sehen könnten).

Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass man mit dem Kauf auch einwilligt, an der Studie teilzunehmen. Das ist letztlich ein Fragebogen, den man ausfüllen muss. Man liefert brillen.de damit sensible Daten, die für zukünftige Werbeaktionen sicherlich genutzt werden.

Den Banner zur Gleitsichtstudie kann man hier anschauen.

Siehe auch / Weiterlesen