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Sehtest bei Apollo

Wie erklärt man einem Blinden Farben?

Farben erklären - aber wie?

Farben erklären – aber wie?

Danke an Frank Doerr für die Anregung zu diesem Artikel. Kann man einem Blinden erklären, was Farben sind? Farben sind etwas, was zwingend mit dem Sehen, also der visuellen Wahrnehmung zu tun hat. Ein blinder Mensch kann nicht sehen. Wohl aber sehr gut reden, und hören und denken und vieles andere sonst. Natürlich sind auch blinde Menschen neugierig. Also: wie kann man das erklären: Farben.

Die einfach Antwort lautet: das geht nicht. Weil man zum Farben-Sehen die Augen braucht – und die funktionieren bei Blinden nicht.

Was ist Sehen?

Blindenzeichen: Drei schwarze Punkte (dunkel) auf leuchtend gelbem Grund (hell)

Blindenzeichen: Drei schwarze Punkte (dunkel) auf leuchtend gelbem Grund (hell)

Grund für dieses vorschnelle Urteil ist eine Fehleinschätzung unseres Weltbildes. In der Regel nimmt man an, dass andere Menschen stets das selbe (!) sehen wie man selbst. Das ist nicht so. Jeder Mensch sieht individuell. Auch wenn die physikalischen Prozesse des Sehens identisch sind, so entsteht das eigentliche Bild unserer visuellen Umgebung erst im Gehirn. Und zwar, in dem die jeweils aktuellen  Informationen aus dem Auge in das vorhandene Weltbild eingewoben werden. Veränderungen werden dabei bevorzugt behandelt.

Dank Kommunikation mit anderen wissen wir, dass es auf der rationalen Ebene ein hohes Maß an Übereinstimmung gibt. Ein Haus ist ein Haus, Blau ist blau und eine Kiste eckig. Aber: alle diese Dinge sind als Teil visueller Erinnerungen auch (!) mit Bedeutungen und Gefühlen besetzt.

Durch das Auge ins Gehirn

Für das Farbensehen sind zwei Organe von entscheidender Bedeutung: das Auge UND das Gehirn. Letztlich entstehen die Farben wie auch unser gesamtes, visuelles Bild erst im Gehirn. Die Augen liefern nur die (massiv vorgefilterten) Informationen. Aus Gründen der Effektivität senden die Augen dabei im Wesentlichen Informationen über Veränderungen. Ein Großteil unseres visuellen Bildes besteht aus unserer Erinnerung, in die neue Daten eingepflegt werden.

Unser (visuelles) Weltbild

Rot - kann man das beschreiben?

Rot – kann man das beschreiben?

Die visuelle Erinnerung ist aber natürlich eng verknüpft mit den anderen Informationen und Erinnerungen. Unser gesamtes Bild von der Welt ist letztlich die bis zum jetzigen Zeitpunkt gesammelte Information, extrahiert aus der Summe aller Sinneswahrnehmungen, aller emotionalen Erfahrungen sowie aller intellektueller Erkenntnisse (wovon natürlich das abgezogen werden muss, was wir vergessen haben :-) ).

Wenn nun die Informationen eines Sinnesorgans wegfallen, so bildet das Gehirn natürlich trotzdem ein komplexes Abbild unserer Welt, nur eben anders, mit anderen Gewichtungen. Für blinde Menschen verbinden sich (wahrscheinlich) Töne oder Gerüche mit Erinnerungen und Emotionen.

Mehr als ein rationaler Begriff

Genau hier kann man ansetzen, wenn man Farben erklären möchte. Farben sind visuelle Reize, die man nicht nur rational benennen kann (das kann ein Blinder nicht nachvollziehen), sondern man kann sie auch emotional in ein Weltbild einordnen.

Lichtspektrum - Regenbogenfarben

Lichtspektrum – Regenbogenfarben

Wer nun einwendet, dass sei emotionaler Quatsch, dem sei gesagt: Farben manifestieren sich immer in einem Kontext. Einige Künstler wie zum Beispiel der Amerikaner James Turrell haben versucht, das künstlich / künstlerisch auszuhebeln, aber an sich sind Farben immer Bestandteil von etwas. Und um Farben zu beschreiben, muss man sie eben als Bestandteil begreifen.

Vergleich zur Musik

Anders gesagt: niemand würde die 5. Symphonie von Beethoven durch die Aufzählung der Noten auf der Partitur beschreiben: G G G H.. – F F F D…. Schon beim Lesen verbindet man die Buchstaben mit Tönen. Genau so ist es mit Farben. Sie sind immer Teil von etwas. Die Reflektion über bestimmte Farben ist dabei individuell immer von unserer visuellen Erinnerung vorbestimmt.

Kunstwerke für Blinde beschreiben

Um die Wirkung bestimmter Farben zu beschreiben, hilft es dabei, mit jeder Farbe eine Emotion zu verbinden. Will man zum Beispiel einem Blinden erklären, warum Gemälde des Malers Vincent van Gogh so weltberühmt sind, so kann man das anhand der Farbigkeit tun: „Das helle gelbe Weizenfeld scheint sich beunruhigend zu bewegen. Die dunkelgrünen Zypressen züngeln sich in den grünlichen Himmel. Von links wächst eine blaue Hügelkette in das Bild. Die eigentlich verspielten weißen Wolken am Himmel werden durch einige kräftige blaue Konturen bewegt, die sie wie in einem Strudel ansaugen.

Blassgrüner Himmel, weiß-blau sprudelnde Wolken, leuchtend blaue Hügel, das große kräftig-gelbe Weizenfeld und die kontrastierende dunkel-grüne Zypresse rechts im Bild. Die starken Farbkontraste des Gemäldes wirken einerseits lebendig und kraftvoll, andererseits aber auch unberechenbar und beängstigend.

Vincent van Gogh war ein leidenschaftlicher, begeisterter Maler, aber ein kranker, geschundener Mensch.

„Weizenfeld mit Zypressen“, Vincent van Gogh, 1889

Schlussbemerkung: ich bin nicht blind, sondern Maler. Daher ist das oben nur der Versuch, sich der Frage zu nähern. Falls Blinde unter den Lesern sind, und ich weiß, dass es im Internet sehr viele gibt, dann wäre ich für Anmerkungen und weitere Hinweise sehr dankbar.

Siehe auch …

Wie kann man Farben erklären?

Wie kann man Farben erklären?

One thought on “Wie erklärt man einem Blinden Farben?

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